Prof. Dr. Helmut Fleinghaus  (5.11.2020)

(Rektor der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten)

Schirmherr der Barmer Bach-Tage 2020

 

(Foto: Ulf Hanke)

 

Zahllose Musiker haben oft hymnische Worte gewählt, um die Musik Johann Sebastian Bachs und ihn selbst als Komponisten zu würdigen. 2020 wird Ludwig van Beethoven besonders geehrt, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 250. Mal jährt. Deshalb seien seine berühmten Sätze über Bach und sein Schaffen an den Anfang dieses Grußwortes gestellt:

Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen, wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien. Bach ist der Urvater der Harmonie.

Und nicht nur der Harmonie, so könnte man fortsetzen. Denn es gibt wohl kaum einen Komponisten, der sämtliche Parameter des musikalischen Schaffens mit solcher scheinbaren Selbstverständlichkeit und Virtuosität behandelt wie Johann Sebastian Bach. Es sei nur auf die Prägnanz, den Erfindungsreichtum und die Einprägsamkeit seiner Themen, die Raffinesse seiner Instrumentation, die Angemessenheit der technischen Anforderungen an die Instrumente, die Klarheit der Formgebung, die Komplexität und Folgerichtigkeit seiner harmonischen Verbindungen, die Gewandtheit im Umgang mit kontrapunktischen Stimmführungen und seine ebenso behutsamen wie genialen Adaptionen von Kompositionen anderer Meister – wie etwa in der Kantate Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 – hingewiesen. Dies alles verbindet sich mit einer manchmal schier überschäumenden Musizier- und Experimentierfreude.

Belege dafür lassen sich überall in Bachs Werken finden. Seine Lust, Neues auszuprobieren, zeigt sich z. B. in der Kantate Geist und Seele wird verwirret BWV 35, die im Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Barmer Bach-Tage erklingen wird. Die gesamte Kantate ist – mit Ausnahme der Rezitative – als Orgelkonzert, teils mit Alt- und Oboen-Solo, gestaltet.

Zwei Eigenschaften stechen im Schaffen Bachs besonders hervor: zum einen der Ausgleich zwischen melodischen bzw. kontrapunktischen und harmonischen Elementen der Musik. Zum anderen seine kunstvollen Übertragungen von Textinhalten in musikalische Phänomene. Es gibt kaum Komponisten, die die kompliziertesten melodischen und kontrapunktischen Vorgänge mit einem solchen Reichtum an Harmonien zu vereinbaren gewusst haben, wie Bach es getan hat. In unserer Notation von Musik erscheinen die melodischen und kontrapunktischen Vorgänge als von links nach rechts geordnete horizontale Linien; die Akkorde und Harmonien werden als vertikale Elemente notiert, Note über Note. Bach bringt es fertig, jede beliebige Akkordfolge mit den von ihm gewünschten melodischen Fortschreitungen zu vereinbaren. Deshalb könnte man vom perfekten Ausgleich zwischen Horizontale und Vertikale in seinem Werk sprechen. Vor Bach hat niemand dies so virtuos vermocht. Und die Nachgeborenen, auch die besten unter ihnen – wie etwa Mozart, Schumann und Brahms – beziehen sich, wenn es um dieses Phänomen geht, auf Bach als ihr Vorbild. Möglicherweise hat Beethoven dies gemeint, als er Bach wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien pries.

Bachs Musik zeichnet sich durch einen besonderen Einfallsreichtum in der Vertonung von Textgedanken durch musikalische Elemente aus. So ist z. B. in der Kantate Geist und Seele wird verwirret das Jauchzen des Volkes, von dem im Text die Rede ist, durch zwei verschiedene musikalische Ideen ausgedrückt, von denen vor allem die zweite – Akkordbrechungen – die Textvorlage noch besser hörbar als die erste verdeutlicht. Gleich darauf ist davon die Rede, dass die Seele stumm werde, und dieses Schweigen macht Bach wahrnehmbar, indem diesem Wort für einen ganz kurzen Moment, der nur ein einziges Mal auftritt, ein Verstummen des gesamten Instrumentalapparats folgt.

Die Interpretation des Wortes durch die Musik spielt eine große Rolle im Orgelbüchlein Bachs, einer Sammlung von Choralbearbeitungen für Organisten in Ausbildung. Ihr ist das Seminar mit Léon Berben gewidmet, das am Anfang der Barmer Bach-Tage 2020 steht. Der Vortrag von Konstanze Kemnitzer wird den theologischen Rahmen beschreiben, in dem Bachs interpretatorische Détails zu betrachten sind.

Das Gesamtprogramm der diesjährigen Barmer Bach-Tage bietet ein Panorama der Landschaft des Schaffens und Wirkens Johann Sebastian Bachs. Ich wünsche dem Publikum die Zeit und die Muße, diese Landschaft unter der Führung der Interpreten und Referenten zu durchschreiten. Es wird unendlich viel zu entdecken geben – selbst wenn man Bach gut zu kennen glaubt, enthüllen sich einem immer wieder neue Finessen, und des Nachdenkens über das, was dieser Mann geschaffen hat, ist kein Ende.

Mich persönlich berührt es sehr, dass alle Veranstaltungen im Lutherheim und der Lutherkirche stattfinden, in der ich als sechzehnjähriger C-Kurs-Schüler im Unterricht bei Joachim Dorfmüller meine ersten Versuche auf der Orgel unternahm. Eine Zeit, auf die ich sehr gerne und mit Dankbarkeit gegenüber meinem Lehrer zurückblicke.

Ich wünsche für die Barmer Bach-Tage 2020 den Zuhörenden erlebnis- und erkenntnisreiche Stunden und den Ausführenden eine zahlreiches und interessiertes Publikum und Ihnen allen Freude an dieser Musik. Meine guten Wünsche begleiten Sie alle.